11. Tagesbericht

13. August 2010

Heute mussten wir früher als gewohnt aufstehen, schliesslich stand kurz nach 8 Uhr im Park rund um den eine Lektion auf dem Programm. In dieser grünen Oase mitten in der Stadt spazieren, turnen, musizieren und spielen tausende von Chinesen Tag für Tag (siehe Fotos).

Am Nachmittag legten die verschiedenen Gruppen, welche Beijing in den beiden letzten Tagen mit unterschiedlicher Zielsetzung erkundet hatten, im Plenum mittels Powerpointpräsentation ihre Erkenntnisse und Erfahrungen dar. Alle Präsentationen haben überzeugt, diejenige über Chinas Wirtschaftsentwicklung ist in einem Kopf- an Kopfrennen als die beste ausgezeichnet worden. Nach einer schmackhaften Peking-Ente (siehe Bild) in einem offensichtlich auch bei Einheimischen beliebten Restaurant flanierten wir durch die Olympische Anlage mit dem wunderschön erleuchtetem „Vogelnest“ und der in blau gehüllten Schwimmhalle (siehe Bild).

Morgen übernachten wir in Zelten bei der Grossen Mauer. Deshalb erscheinen die Tagesberichte 12 und 13 gleichzeitig erst übermorgen.

 

Es folgen drei Exklusivberichte aus den oben genannten Gruppen.

1) Sara Wohlwend schreibt über ihre Eindrücke zur „Economic Tour“:

Für unsere Erkundungen zur chinesischen Wirtschaft fuhren wir mit der in das Viertel rund um die University of Beijing. Im Laufe des Tages hatten wir die Gelegenheit, mit drei sehr unterschiedlichen Personen Interviews zu machen.

Unsere erste Interviewpartnerin ist 18jährig und arbeitet 14 Stunden am Tag in einem Restaurant. Ängstlich vergewisserte sie sich immer wieder bei unserem Übersetzer, dass wir das Interview nicht am Fernsehen ausstrahlen, während sie uns erzählte, dass sie die Schule aufgrund finanzieller Probleme der Familie bereits mit 15 Jahren verlassen musste und zu arbeiten begann.

Im Park der angeblich besten Universität des Landes trafen wir eine Studentin. Sie empfindet die wirtschaftliche Entwicklung Chinas als positiv, meinte jedoch, es gebe auch viele Probleme in Peking, so zum Beispiel die steigenden Immobilienpreise. Wohnungen seien für viele Leute nicht mehr erschwinglich, was die Kluft zwischen arm und reich vergrössere.

Zuletzt wurden wir von einem Geschäftsmann, der im Bereich Medien tätig ist, in seinem offensichtlich teuren, aber traditionellen Haus empfangen. Als Chinas grösstes Problem bezeichnete er ebenfalls den grossen Unterschied zwischen arm und reich. Damit sich das Land weiter entwickle, müsse der Fokus nicht nur auf den wirtschaftlichen Fortschritt, sondern auch vermehrt auf die soziale Entwicklung gelegt werden. Die Regierung beharre aber auf ihrer bisherigen Strategie.

2) Paul Kohlhaas berichtet aus einer der beiden Kunstgruppen:

Im Rahmen meiner WEXPLORE Gruppe beschäftigten wir uns mit traditioneller und moderner Kunst Chinas. Unter anderem besuchten wir am zweiten Tag ein bekanntes Künstlerviertel, das im Tagesbericht von gestern von Herrn Dütsch und Herrn Wanner schon kurz erwähnt worden war.

Nach eineinhalb Stunden Fahrt mit Pekings Bussen und Metros tauchten endlich die drei ersehnten Ziffern auf: 7 9 8. Junge Menschen aus aller Herren Länder strömen in die berühmte neue Kunstmeile Pekings. , auf Chinesisch ist ein riesiges Künstlerviertel am Rande der Stadt. In den neunziger Jahren haben sich hier vereinzelt Künstler angesiedelt, Galerien und Museen kamen hinzu und allmählich entstand eine Atmosphäre, die einen den Stadttrubel vergessen lässt. Der liegt in einem ehemaligen Industriegebiet, und die meisten Galerien und Kunstläden haben sich in die stillgelegten Produktionsstätten eingenistet. Die Stimmung ist sehr gelöst, vom Überwachungsstaat China spürt man hier nichts mehr und die sonst allgegenwärtigen Kameras sind nur noch vereinzelt zu sehen. Im fünften Stock eines ehemaligen Bürogebäudes traf ich, während ich im Gang stand und mir Notizen machte. einige Kunststudenten. Plötzlich war ich umringt von jungen Chinesen, die mich aufgeregt fragten, wer ich sei, ob ich hier studiere und was ich da aufschreibe; erst da merkte ich, dass ich mitten in einer Kunstschule gelandet war. Der Lehrer lud mich sofort in eines der Zimmer ein und bot mir einen Stuhl an, ich wurde sogar freundlich aufgefordert mitzumalen. Zwar sprachen nur wenige Englisch, doch als ich die Schweizer Fahne und eine Uhr zeichnete, wusste jeder, woher ich komme. Am Schluss machte man noch ein Gruppenfoto und E-Mail-Adressen wurden ausgetauscht.

Ein übergeordnetes Thema ist in „7 9 8“ nicht auszumachen, aber viele Werke könnte man als Verarbeitung der politischen Umwälzungen der letzten 60 Jahre interpretieren Viele der Skulpturen sind beispielsweise in Käfigen gefangen, viele Werke zeigen verletzliche Kinder. In den Strassen des „7 9 8 Distrikts“ fühlte ich mich seit Beginn unseres Aufenthalts zum ersten Mal unbefangen und frei. Es zog mich von einer Ausstellung zur nächsten und ich war überwältigt vom künstlerischen Schaffen dieser Menschen.

Die ehemalige Produktionsstätte, welche einst zum materiellen Reichtum des Landes beitrug, bringt den Menschen nun einen immensen kulturellen und schöpferischen Reichtum. Der Besuch dieses Viertels wird mir immer als kulturelles Highlight der Chinareise in Erinnerung bleiben.

3) Joel Gauss und Nadine Sailer berichten aus der Gruppe Religion:

In unserer Gruppe beschäftigten wir uns mit der Entdeckung der Religionen in China. In den uns zur Verfügung stehenden zwei Tagen konzentrierten wir uns auf den Buddhismus. Wir besuchten zwei verschiedene Tempel. Am Mittwoch stand der Besuch eines Lama-Tempels auf dem Programm, in welchem ein dem tibetischen nahe stehender Buddhismus praktiziert wird. Es bot sich uns die Gelegenheit, mit einem Mönch ein Interview zu führen, was bezüglich des Aufbaus des Buddhismus sehr aufschlussreich und interessant war. Mit Bus und Metro gelangten wir jeweils zu unserem Ziel, was ein Abenteuer für sich bedeutete. Während der gleichen die Busse mit Menschen gefüllten Konservendosen. Das Erstaunliche daran ist, dass die Menschen dies hier als eine Selbstverständlichkeit auffassen und mit grosser Gelassenheit hinnehmen. Am zweiten Tag machten wir uns auf zu einer chinesisch-buddhistischen Tempelanlage aus dem Jahre 650 n. Chr. War die Vielzahl an Touristen am Vortag beim Besuch des Lama-Tempels noch störend, so fanden wir nun einen Ort der Stille vor. Nur der Gesang der Vögel und das Zirpen der Grillen waren zu vernehmen. Als ich mich mit Linda, unserem , auf einer Treppe mit Sicht auf den Garten der Tempelanlage niedergelassen hatte, gesellte sich eine den chinesischen Buddhismus praktizierende Dame zu uns und begann unaufgefordert über ihren Glauben, spezifisch über die Rituale zu erzählen. Was dann folgte, war zwar verwirrend, aber immerhin wurde uns klar, dass es grundlegende Differenzen zwischen dem tibetischen und dem hiesigen Buddhismus gibt. Linda brachte es auf den Punkt:

Was ich von diesen zwei Tagen des Eintauchens in chinesische Religionen mitnehmen werde, ist, dass die buddhistischen Tempelanlagen Orte sind, an denen man zu innerer Ruhe und Balance finden kann, wie es anderswo in dieser 12-Millionen-Stadt kaum vorstellbar ist.

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